Bus, verdammt

Gestern, dunkel, Berlin-Adlershof, irgendwo. Ich seh‘ ja nichts! Ich fahre mit dem Bus zum Aushilfsjob im Fernsehstudio. Glamour, Hollywood – ha! Steige an der falschen Haltestelle aus, merke es im letzten Moment. Mein Fuß steckt in der Tür, ich will wieder hinein in den Bus. Ich rufe „Halt!“. Ich stecke fest. Ich rufe wieder „halt!“. „Halt, verdammt!!!“

Die Tür geht auf, ein bisschen aufgelöst stehe ich wieder im Bus. Der Busfahrer ist wütend. „Was heißt hier verdammt?“ motzt er. Ich glaube, er will, dass ich mich entschuldige. Verstehe. Trotzdem. Ich entschuldige mich nicht. Fährt er weiter? Schmeißt er mich raus? Alle glotzen. Ich schäme mich, dass ich so heftig war. Ich sage im Leben dauernd „verdammt“. Kommt wohl doch nicht so gut an. Busfahrer meckert: „Wenn Sie nicht wissen, wo Sie aussteigen müssen!“

Dann sehe ich: Die Anzeige war falsch. Genau.
„Die Anzeige war falsch! Ihre Schuld!“ sage ich zu ihm, besserwisserisch. Ich klinge wie der Busfahrer. Ich will mich nicht entschuldigen.
Er fährt weiter. War keine Glanzleistung von mir. Ich könnte doch mal „nett“ sein.
Ich bin dann den weiteren Abend nett, das ist mein Job. Ich betreue Talkgäste für eine Fernsehshow. Da wird der Bock zum Gärtner gemacht.

Ein Handy klingelt. Es quakt wie ein Frosch. Ich mache Small-Talk mit einer Talkgastbegleitung und erzähle ihr von meinem Klingelton. „MÄH! MÄH!“ kreische ich exaltiert durch den Flur, mit den Verträgen für die Talkgäste aus Politik und Medien in der Hand.
Ist vielleicht besser, dass ich normalerweise alleine zuhause arbeite.Ich denke an die Situation im Bus. Ich bin einfach nicht professionell. So als Mensch.

Tags drauf denke ich immer noch an den Busfahrer: Warum hat er sich so aufgeregt? In Berlin? Der Stadt mit den pampigsten Busfahrern der WELT? Weil ICH geflucht habe? Und nicht ER? Isn’t it ironic! Was bin ich kleinlich. Dass ich da IMMER noch dran denke. Und bin super schlecht gelaunt (sagt man ja so: super geil, super müde, super schlecht gelaunt), weil ich mit meiner kleinen Tochter dem Vater von dem Kian auf der Straße begegne und er mich nicht grüßt, obwohl er mich doch dauernd in dieser kack Kita sieht. Und dann sage ich ganz laut, während ich auf dem leeren nassen dreckigen Bürgersteig vor mich hin den Kinderwagen schiebe, „Berlin ist so eine Scheiß-Stadt!“ Hoffentlich hat er’s gehört! Schön, dass es noch so moralische, höfliche Menschen wie mich gibt, verdammt.
Ich bin ja auch in Stuttgart geboren, vor 40 Jahren, da sagt man „Grüß Gott“. Wahrscheinlich auch vor 40 Jahren…

Der böse Busfahrer, böser Kian-Papa! Müll liegt hinterm Pornokino. Berlin-Britz hat was zu bieten. Die Mietblöcke sehen ganz besonders hässlich im dunklen Winternebel aus. Soll ich das fotografieren? Damit es die Erasmus-Hipster sehen und aufhören, nach Berlin zu ziehen? Ist das rassistisch, dass ich die Erasmus-Hipster abschrecken möchte? So wie Dänemark die Flüchtlinge?
Ich will denen ja nur helfen. Berlin ist halt nicht nur Oben-Ohne-Chillen am Paul-Lincke-Ufer. Sondern Depri-Winter mit Hundekacke. Hier Muffelrentner, dort Schulklasse (besoffen!). Und am Ende hat man nach all den leckeren Joints mit dem feinen Gras aus dem Görli immer noch keine Band gegründet und das Geld ist alle. Also schnell zurück nach Utah.

Und ich kann mich nicht leiden. Und die Stadt kann ich nicht leiden. Und Kians Papa auch nicht. Ich kenn den gar nicht. Wir reden ja nicht.

Ein Hund pisst in den Schnee. A. quietscht vor Freude. Ich bleibe stehen, damit A. dem Hund besser beim Pissen zuschauen kann, was sie sehr freut, und ich sage, „schau mal, A-chen, der liebe Hund! Der geht spazieren!“ Und die Hundehalterin dreht sich um und strahlt mich mit einem bezaubernden Lachen an und sagt „Tschüss!“ Und mein verschrumpeltes Kartoffelherz freut sich jetzt wieder.  Aber nur ganz kurz.

Ich wäre jetzt gerne in New York. Weil man sich da ein beherztes „Fuck you!“ „No, fuck YOU!!!“ an den Kopf werfen kann.

Kians Papa: „Hey Jules! FUCK you.“
Ich: „No, Kian-Daddy. Fuck YOU!“
(Beide lachen freundlich.)
Ende.

z23

Zeichnungen aus New York, 2010.

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