Meine kleine große Schwester

leeres Bettchen3

Heute ist ein besonderer Tag.
Vor genau einundvierzig Jahren starb meine Schwester Barbara. Barbara Juliane. Drei Monate war sie nur alt. Nach der Geburt schien alles in Ordnung, aber mit der Zeit wurde sie immer gelber und gelber. Sie weinte viel, irgendetwas stimmte nicht. Arztbesuche, dann die Gewissheit meiner Eltern. Ihre Leber besaß keine Gänge, konnte den Körper somit nicht entgiften, wie es eine funktionierende Leber so macht. Das Organ war einfach nur ein Klumpen Fleisch, das nichts tat im kleinen hilflosen Körper dieses Babys. Es sah nicht gut aus. Die Ärzte vergaben einen OP-Termin, den 6. November 1974. Das war kein Routine-Eingriff, Gänge in eine Leber zu zaubern, wo vorher keine waren. Stundenlang wurde operiert. Die Vorstellung, dass meine Eltern eine Ewigkeit in einem Krankenhausflur saßen und um ihr todkrankes Kind bangten – unerträglich.
Es war erschöpfend. Nach acht Stunden hat das kleine Herz von Barbara aufgegeben zu schlagen. Sie ist eingeschlafen und nie mehr aufgewacht. So ein winziger, unschuldiger Säugling, die süße kleine Schwester, auf die sich die zwei älteren Brüder so gefreut haben. Das kleine Mädchen nach zwei Jungs, das sich meine Eltern so gewünscht hatten. Die große Schwester, die ich nie haben konnte.
Als meine Mutter dem damaligen Kinderarzt mitteilte, dass Barbara gestorben sei, sagte dieser lapidar: „Naja, Sie haben ja noch zwei!“
Meine Mutter hat mir diese Geschichte so oft erzählt. Dieser dumme Satz hat sie nie losgelassen. Was hat dieser Arzt nur angerichtet. Fährt er einen Porsche? Kann ich einen der Reifen durchstechen, wenn er mitten in der Wüste gestrandet ist? Und sagen: „Naja, Sie haben ja noch drei!“ Das bringt aber nichts und radiert diesen kaltschnäuzigen Satz nicht weg.
Meine Mutter sagte mir mal, wie sehr sich alle während der Schwangerschaft gefreut hätten, wie unbeschwert und fröhlich sie gewesen seien. Das war nun vorbei. Mein ältester Bruder, damals neun, bekam plötzlich schlechte Noten. Nachmittags trottete er zum „Filder-Diskont“ und kam stundenlang nicht wieder; dort stand ein schöner großer Flipper.
Ich kann die Sorgen und die Angst meiner Mutter nur erahnen, als sie nur wenige Monate später mit mir schwanger war. Die Unbeschwertheit war für immer weg. Laut Berechnung wäre ich ein Jahr später am selben Tag wie Barbara zur Welt gekommen. Man half dann im Krankenhaus ein bisschen nach, damit das nicht passierte. Am Geburtstag meiner Schwester denke ich manchmal daran.
Meine liebe Schwester, ich hätte dich so gerne kennengelernt.

Werbeanzeigen