Musik hilft immer.

Nackte Füße in Flip Flops.
Wir sind leider nicht an der Copacabana, sondern in einer Kreuzberger Flüchtlingsunterkunft. „Warm anziehen, es ist kalt!“ Als junge Mutter bin ich mütterlich zu den jungen Männern und sympathischen Mama aus Syrien, die auch mitkommt: ihre drei erwachsenen Kinder sind über ganz Europa verteilt, ihr Mann ist immer noch in Syrien. „Man kann behaupten, ihr seid eine kosmopolitische Familie“, sage ich. Sie wird mit offener Jacke und ohne Schal dem Berliner Wind trotzen. „Das ist die Kälte aus Russland“, sage ich. Wir lachen noch viel.
Wer glaubt, Flüchtlinge zu Veranstaltungen zu begleiten, sei leicht, hat keine Ahnung. Es braucht Kompetenz. Schon mit 18 Jahren habe ich für die Arbeiterwohlfahrt Kinder betreut, also die, die zwei Jahre jünger waren als ich. Das hieß, nachts an der Haltestelle zu stehen und die Schützlinge in Empfang zu nehmen:
„Wart ihr etwa im Pub? Morgen habt ihr Ausgehverbot!“
Ich hatte zwar selber ein paar Pints intus, aber ich kann in fast jedem Zustand einen Stadtplan lesen, meine schwäbischen Jugendlichen im großen London damals – nicht. Und jetzt kümmere ich mich eben für „Kreuzberg hilft“ um Syrer, Iraker und Afghanen in Berlin und zeige ihnen den Weg. In die Philharmonie. Denn so mau wie die Industriebiere aus Berlin, so großartig sind seine Orchester: Und voller Güte ist auch die Aktion der Berliner Philharmoniker, der Staatskapelle und des Konzerthausorchesters, Flüchtlinge und Helfer gleichermaßen zum Konzert am 1. März 2016 zu laden:
„Willkommen in unserer Mitte – Sonderkonzert für Flüchtlinge und Helfende“
Ich helfe immer gern. Besonders für eine Freikarte in die Philharmonie. Aber eine Flüchtlingsgruppe ist wie Quecksilber. Eben noch werde ich aufs Herzlichste in Empfang genommen, husch, husch, waren’s fort. Da stehe ich mit meiner Namensliste voller Ahmeds, Musaabs und Waseems. Aber mit meiner Kompetenz, weiß ich, was zu tun ist: „YALLA, YALLA!!!“ Ach, wie rufe ich das gern. Na geht doch! Das muss ich mal auf Farsi lernen. Ich werde verwöhnt mit heißem Tee. Ob er auch süß genug sei? Ha! Der Zuckerschock wird mich über die nächsten Stunden tragen, da kann der Beck sein Zeugs vergessen! Vielleicht gibt es deswegen bei den Dirigenten Barenboim, Fischer und Rattle diesen tosenden Applaus – zwischen den Sätzen – weil alle vorher diesen Tee getrunken haben, der einen so euphorisch macht. Oder ist es die Musik von Mozart, Prokofjew, Beethoven, die die Gäste von den Sitzen reißt, außer Wolfgang Schäuble, der aber auch glücklich schaut. So soll eine tobende Menge aussehen: Klatschend, lachend, sich freuend an etwas, das so schön ist – gemeinsam. Musikgenuss statt Reisegenuss. Danach im Foyer Brezeln, Käsekuchen, Hähnchenschlegel. Ich spreche ein paar superlativgespickte Bandwurmsätze in eine riesige Kamera, daneben winzige Chinesen. War das jetzt rassistisch? Bestimmt. Wir trinken Limo und scherzen. Auch eine Erkenntnis für den jungen Iraker: „Tonic Water“ hat nicht so viel mit Wasser zu tun, jedenfalls nicht geschmacklich. „Ich verstehe, dass das nicht schmeckt, da fehlt der Gin!“, sage ich zu ihm. Ach, ich sollte Integrationsbeauftragte werden!
Noch ist ein bisschen Zeit für ganz dumme Fragen von mir:
„Würde ein Muslim denn je Schwein essen?“
„Niemals!“
„Aber beim Bier macht ihr manchmal eine Ausnahme?“
„Also der Samir schon.“
Recht hat der Samir, und unsere Laune und Allah sind groß.

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