Alles neu

Endlich mache ich, was ich seit 2011 machen wollte – ich arbeite an einem ganz neuen Portfolio. Zwar habe ich als Illustratorin dauernd neue Aufträge, allerdings ist da selten Platz für Experimente. Außerdem arbeite ich für Zeitungen und Zeitschriften. Die wollen einen ganz bestimmten Stil, möglichst plakativ, bisschen intellektuell, kein Problem, mache ich gerne. Aber insgeheim habe ich immer auch in eine andere Richtung geschielt. Ich dachte an Blümchenmuster. Jetzt sind es aber Holzfäller für den bärtigen Weihnachtsbaum geworden, Flaschenöffner für Flaschen, äh, Männer und Frauen, die sonst ihr Bier locker mit den Zähnen öffnen. Frühstücksbrettchen für den postmodernen Hipster, der seiner Yogalehrerin gerne seine Axtsammlung zeigen würde.
Weil ich eine alte „Like“-Zählerin bin, zähle ich natürlich Likes, auf Facebook, auf Instagram (a propos: https://www.instagram.com/julipieper/). Mehr social media-Krams habe ich gar nicht. Zum Mann habe ich neulich gesagt, „Mist, ich bin gar nicht auf Tinder!“ Habe aber tumblr gemeint… Peinlich. Wenn ich ein Foto von meiner Tochter poste (was ich aus Gründen der Privatsphäre jetzt nicht mehr mache), bekomme ich ein Like nach dem anderen! Hunderte! Wenn ich meine Lieblingsarbeit der Woche poste, naja. Zwölf Likes. Oh. Was nun? Babyfotografin werden? Nein. Gerade hat mir das Kundenmagazin einer deutschen Fluglinie eine Illustration abgekauft. Letzte Woche habe ich für eine Agentur gearbeitet. Zum zweiten Mal. Jetzt prokrasitiniere ich gerade die Korrekturarbeiten für das New York-Buch, das ich für den S. Fischer Verlag schreibe. Trotzdem: Zweifel, Zweifel, wo sind die 80 Likes, wo sind die zehn Aufträge, wo ist mein Handy.
Also was ich sagen wollte: Ich mag meine neuen Sachen total gerne. Ich mach genau da weiter. So. Jetzt dürft ihr das 80 Mal  liken.

Musik hilft immer.

Nackte Füße in Flip Flops.
Wir sind leider nicht an der Copacabana, sondern in einer Kreuzberger Flüchtlingsunterkunft. „Warm anziehen, es ist kalt!“ Als junge Mutter bin ich mütterlich zu den jungen Männern und sympathischen Mama aus Syrien, die auch mitkommt: ihre drei erwachsenen Kinder sind über ganz Europa verteilt, ihr Mann ist immer noch in Syrien. „Man kann behaupten, ihr seid eine kosmopolitische Familie“, sage ich. Sie wird mit offener Jacke und ohne Schal dem Berliner Wind trotzen. „Das ist die Kälte aus Russland“, sage ich. Wir lachen noch viel.
Wer glaubt, Flüchtlinge zu Veranstaltungen zu begleiten, sei leicht, hat keine Ahnung. Es braucht Kompetenz. Schon mit 18 Jahren habe ich für die Arbeiterwohlfahrt Kinder betreut, also die, die zwei Jahre jünger waren als ich. Das hieß, nachts an der Haltestelle zu stehen und die Schützlinge in Empfang zu nehmen:
„Wart ihr etwa im Pub? Morgen habt ihr Ausgehverbot!“
Ich hatte zwar selber ein paar Pints intus, aber ich kann in fast jedem Zustand einen Stadtplan lesen, meine schwäbischen Jugendlichen im großen London damals – nicht. Und jetzt kümmere ich mich eben für „Kreuzberg hilft“ um Syrer, Iraker und Afghanen in Berlin und zeige ihnen den Weg. In die Philharmonie. Denn so mau wie die Industriebiere aus Berlin, so großartig sind seine Orchester: Und voller Güte ist auch die Aktion der Berliner Philharmoniker, der Staatskapelle und des Konzerthausorchesters, Flüchtlinge und Helfer gleichermaßen zum Konzert am 1. März 2016 zu laden:
„Willkommen in unserer Mitte – Sonderkonzert für Flüchtlinge und Helfende“
Ich helfe immer gern. Besonders für eine Freikarte in die Philharmonie. Aber eine Flüchtlingsgruppe ist wie Quecksilber. Eben noch werde ich aufs Herzlichste in Empfang genommen, husch, husch, waren’s fort. Da stehe ich mit meiner Namensliste voller Ahmeds, Musaabs und Waseems. Aber mit meiner Kompetenz, weiß ich, was zu tun ist: „YALLA, YALLA!!!“ Ach, wie rufe ich das gern. Na geht doch! Das muss ich mal auf Farsi lernen. Ich werde verwöhnt mit heißem Tee. Ob er auch süß genug sei? Ha! Der Zuckerschock wird mich über die nächsten Stunden tragen, da kann der Beck sein Zeugs vergessen! Vielleicht gibt es deswegen bei den Dirigenten Barenboim, Fischer und Rattle diesen tosenden Applaus – zwischen den Sätzen – weil alle vorher diesen Tee getrunken haben, der einen so euphorisch macht. Oder ist es die Musik von Mozart, Prokofjew, Beethoven, die die Gäste von den Sitzen reißt, außer Wolfgang Schäuble, der aber auch glücklich schaut. So soll eine tobende Menge aussehen: Klatschend, lachend, sich freuend an etwas, das so schön ist – gemeinsam. Musikgenuss statt Reisegenuss. Danach im Foyer Brezeln, Käsekuchen, Hähnchenschlegel. Ich spreche ein paar superlativgespickte Bandwurmsätze in eine riesige Kamera, daneben winzige Chinesen. War das jetzt rassistisch? Bestimmt. Wir trinken Limo und scherzen. Auch eine Erkenntnis für den jungen Iraker: „Tonic Water“ hat nicht so viel mit Wasser zu tun, jedenfalls nicht geschmacklich. „Ich verstehe, dass das nicht schmeckt, da fehlt der Gin!“, sage ich zu ihm. Ach, ich sollte Integrationsbeauftragte werden!
Noch ist ein bisschen Zeit für ganz dumme Fragen von mir:
„Würde ein Muslim denn je Schwein essen?“
„Niemals!“
„Aber beim Bier macht ihr manchmal eine Ausnahme?“
„Also der Samir schon.“
Recht hat der Samir, und unsere Laune und Allah sind groß.

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Bus, verdammt

Gestern, dunkel, Berlin-Adlershof, irgendwo. Ich seh‘ ja nichts! Ich fahre mit dem Bus zum Aushilfsjob im Fernsehstudio. Glamour, Hollywood – ha! Steige an der falschen Haltestelle aus, merke es im letzten Moment. Mein Fuß steckt in der Tür, ich will wieder hinein in den Bus. Ich rufe „Halt!“. Ich stecke fest. Ich rufe wieder „halt!“. „Halt, verdammt!!!“

Die Tür geht auf, ein bisschen aufgelöst stehe ich wieder im Bus. Der Busfahrer ist wütend. „Was heißt hier verdammt?“ motzt er. Ich glaube, er will, dass ich mich entschuldige. Verstehe. Trotzdem. Ich entschuldige mich nicht. Fährt er weiter? Schmeißt er mich raus? Alle glotzen. Ich schäme mich, dass ich so heftig war. Ich sage im Leben dauernd „verdammt“. Kommt wohl doch nicht so gut an. Busfahrer meckert: „Wenn Sie nicht wissen, wo Sie aussteigen müssen!“

Dann sehe ich: Die Anzeige war falsch. Genau.
„Die Anzeige war falsch! Ihre Schuld!“ sage ich zu ihm, besserwisserisch. Ich klinge wie der Busfahrer. Ich will mich nicht entschuldigen.
Er fährt weiter. War keine Glanzleistung von mir. Ich könnte doch mal „nett“ sein.
Ich bin dann den weiteren Abend nett, das ist mein Job. Ich betreue Talkgäste für eine Fernsehshow. Da wird der Bock zum Gärtner gemacht.

Ein Handy klingelt. Es quakt wie ein Frosch. Ich mache Small-Talk mit einer Talkgastbegleitung und erzähle ihr von meinem Klingelton. „MÄH! MÄH!“ kreische ich exaltiert durch den Flur, mit den Verträgen für die Talkgäste aus Politik und Medien in der Hand.
Ist vielleicht besser, dass ich normalerweise alleine zuhause arbeite.Ich denke an die Situation im Bus. Ich bin einfach nicht professionell. So als Mensch.

Tags drauf denke ich immer noch an den Busfahrer: Warum hat er sich so aufgeregt? In Berlin? Der Stadt mit den pampigsten Busfahrern der WELT? Weil ICH geflucht habe? Und nicht ER? Isn’t it ironic! Was bin ich kleinlich. Dass ich da IMMER noch dran denke. Und bin super schlecht gelaunt (sagt man ja so: super geil, super müde, super schlecht gelaunt), weil ich mit meiner kleinen Tochter dem Vater von dem Kian auf der Straße begegne und er mich nicht grüßt, obwohl er mich doch dauernd in dieser kack Kita sieht. Und dann sage ich ganz laut, während ich auf dem leeren nassen dreckigen Bürgersteig vor mich hin den Kinderwagen schiebe, „Berlin ist so eine Scheiß-Stadt!“ Hoffentlich hat er’s gehört! Schön, dass es noch so moralische, höfliche Menschen wie mich gibt, verdammt.
Ich bin ja auch in Stuttgart geboren, vor 40 Jahren, da sagt man „Grüß Gott“. Wahrscheinlich auch vor 40 Jahren…

Der böse Busfahrer, böser Kian-Papa! Müll liegt hinterm Pornokino. Berlin-Britz hat was zu bieten. Die Mietblöcke sehen ganz besonders hässlich im dunklen Winternebel aus. Soll ich das fotografieren? Damit es die Erasmus-Hipster sehen und aufhören, nach Berlin zu ziehen? Ist das rassistisch, dass ich die Erasmus-Hipster abschrecken möchte? So wie Dänemark die Flüchtlinge?
Ich will denen ja nur helfen. Berlin ist halt nicht nur Oben-Ohne-Chillen am Paul-Lincke-Ufer. Sondern Depri-Winter mit Hundekacke. Hier Muffelrentner, dort Schulklasse (besoffen!). Und am Ende hat man nach all den leckeren Joints mit dem feinen Gras aus dem Görli immer noch keine Band gegründet und das Geld ist alle. Also schnell zurück nach Utah.

Und ich kann mich nicht leiden. Und die Stadt kann ich nicht leiden. Und Kians Papa auch nicht. Ich kenn den gar nicht. Wir reden ja nicht.

Ein Hund pisst in den Schnee. A. quietscht vor Freude. Ich bleibe stehen, damit A. dem Hund besser beim Pissen zuschauen kann, was sie sehr freut, und ich sage, „schau mal, A-chen, der liebe Hund! Der geht spazieren!“ Und die Hundehalterin dreht sich um und strahlt mich mit einem bezaubernden Lachen an und sagt „Tschüss!“ Und mein verschrumpeltes Kartoffelherz freut sich jetzt wieder.  Aber nur ganz kurz.

Ich wäre jetzt gerne in New York. Weil man sich da ein beherztes „Fuck you!“ „No, fuck YOU!!!“ an den Kopf werfen kann.

Kians Papa: „Hey Jules! FUCK you.“
Ich: „No, Kian-Daddy. Fuck YOU!“
(Beide lachen freundlich.)
Ende.

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Zeichnungen aus New York, 2010.

Abschied von letztem Jahr und von einem kleinen Mädchen

Was mich am Glücklichsten gemacht hat
Meine Familie – mein Freund H. und unsere gemeinsame Tochter A. Die mögen mich, obwohl ich eigentlich nicht besonders nett bin. Dafür sind sie umso netter. Dankeschön.
Und ich muss mir endlich nicht mehr so viele Sorgen darum machen, ob ich als Freiberuflerin später in der Gosse landen werde. Ich habe Halt und Liebe in meinem Leben. Und diese kleine Tochter, die das Größte für mich ist und gerade in meinen Zeichenmaterialien sitzt und alles zerknittert. Wir haben einen Garten, in dem dieses Jahr abertausende Tomaten herangereift sind (ich hatte einen kleinen Zuchterfolg…), und ein Grünkohl, hoch wie eine Palme auf einem spanischen Flughafen. Von meinem Arbeitszimmer kann ich direkt in den Garten sehen und wenn ich will, auch gehen. In der Hecke ist ein kleines Loch: Unser selbstgeschnittener Zugang zum Spielplatz. Da liegt keine einzige Zigarettenkippe herum und auch keine Spritze (ich wohne in Neukölln), aber ganz viel Spielzeug, weil wir uns das mit den Nachbarn teilen, die auch alle Kinder in A.’s Alter haben. Eigentlich teile ich gar nicht, sondern benutze das Zeugs der Nachbarn einfach mit. Ich sagte ja schon, dass ich nicht besonders nett bin. Geizig bin ich also auch.
Die U-Bahn ist nicht weit weg und fährt alle fünf Minuten.
Hermannplatz, Gräfekiez, Weserstraße: 8 Minuten weg.
Kreuzberg: 12 Minuten weg.
Die Nachbarn schenken mir Klamotten und Spielzeug fürs Kind, laden uns zum Waffelessen ein (belgische!), schenken mir gute Bücher, laden uns zu Silvester ein. Die Frauen haben gute Jobs und manche sogar einen guten Humor, die Väter spielen im Sandkasten mit ihren Kindern. Keiner verachtet mich, wenn ich für mein Kind nur Gummibärchen statt Bioapfelschnitze dabei habe.
Ich mag das hier. Ich bin dankbar und glücklich, dass ich so ein behütetes Leben mit meiner Familie führen darf. Ich habe es gut.

Was mich am meisten berührt hat
Die Menschen, die die vielen Flüchtlinge willkommen geheißen haben, die Freiwilligen, die so viel Arbeit und Kraft hineinstecken, damit Menschen, die furchtbare Dinge erleben mussten, hier ankommen können. Bei der Initiative „Kreuzberg hilft“ konnte ich erleben, wie aus dem Wunsch von vier Frauen, etwas zu tun, ein funktionierendes System gebildet wurde, das heute bei der Versorgung von Flüchtlingsheimen hilft, Spenden koordiniert und mit ihrer Aktionsgruppe dafür sorgt, dass Flüchtlinge aus der Tristesse ihrer Massenunterkunft heraus kommen, um ein Konzert zu hören, an einer Kletterwand hochzukraxeln, bei Lebkuchen und Spekulatius Weihnachten mit Blasmusik zu feiern oder mit Berliner Künstlern Stellwände bemalen zu können. Und so vieles mehr. Danke, für diese tolle Arbeit.

Was mich am meisten geschockt hat
Dieser Hass. Der Hass von Menschen, die ihre Energie darauf verwenden, widerliche, manchmal verfassungsfeindliche Kommentare im Internet, vor der Kamera, bei PEGIDA-Demos auszuspucken. „Angst essen Seele auf“ bekommt hier eine ganz andere Bedeutung. Die Angst vor dem Fremden lässt Menschen Mitgefühl und Verstand vergessen. Wenn diese überhaupt vorhanden waren. Es bleibt Härte, Hässlichkeit, Beschränktheit. Der Biedermann ist gefährlich, der Biedermann ist der Brandstifter. „Angst essen Seele auf“ auch bei den Menschen, die hier nach Frieden suchen, nach einem Anfang, wie jeder von uns in ihrer Situation danach suchen würde. Sie können nicht ankommen, wenn wir ihnen nicht die Hand reichen.

Was mich am traurigsten gemacht hat
Der Tod eines kleinen, tapferen, supercoolen, behinderten Mädchens.
Am 30.12.2015 ist Kaiserin1 in den Armen ihrer Eltern gestorben. Vor zwei Monaten ist sie vier geworden. Mareice Kaiser hat so ehrlich, liebevoll, weise über das Leben mit ihrer behinderten Tochter und deren kleinen Schwester auf http://kaiserinnenreich.de gebloggt, dass es uns die Augen und die Herzen geöffnet hat. Wir durften lernen, was es heißt, wenn das eigene Kind nicht der Norm entspricht und dabei die schönsten Sachen kann – lächeln zum Beispiel. Und die wichtigste vielleicht: fühlen: Die Liebe ihrer Eltern, ihrer Schwester. Das Gras auf der Wiese, die Hand in ihrer Hand.
Wir konnten erleben, dass es nicht um Können bei einem Menschen geht, auch nicht um „Hauptsache gesund“. Sondern um „Hauptsache da“. Dieses wunderbare, kleine Mädchen wurde geliebt und hat Liebe gegeben. Mareice hat immer wieder kluge Worte dafür gefunden, wie schwierig, anstrengend, großartig ihr gemeinsames Leben ist. Texte über (Berührungs-)Ängste (Mein Kind, das Gespenst), Ignoranz und fehlendes Verständnis, über verletzende Kommentare und Unbedachtheit im Umgang mit ihrer inklusiven Familie.
Lachen und ärgern durften wir uns über die Schwierigkeiten, einen Kitaplatz zu finden, mit einem Spezialrollstuhl in öffentlichen Verkehrsmitteln durch die Stadt zu reisen, abgelehnte Anträge für nötige Unterstützung bei der Krankenkasse erneut und erneut einzureichen, kafkaeske Telefonate mit Sachbearbeiterinnen zu führen. Und immer wieder teilzunehmen an der schönen Zeit mit ihren beiden Töchtern durch Worte und Bilder. Es war ein Geschenk, das Kaiserinnenreich und ihre Bewohnerinnen kennen zu lernen.
Ich war mir so sicher, dass ich Kaiserin1 endlich in 2016 treffen werde. Ich hatte mich still darauf gefreut, einmal ihre Hand zu halten.
Wir haben sie durch Mareices Texte ins Herz schließen dürfen. Sie fehlt. Am allermeisten ihren Eltern und der kleinen Schwester.
Ich wünsche, dass sie die Liebe und die Freude, die Kaiserin1 geschenkt hat, immer spüren werden. Auch durch den schlimmsten Kummer hindurch.

Elefant

Working Mom Plus

Darf ich einmal danke sagen? Für das Elterngeld? Mich hat die regelmäßige Zahlung sehr entspannt.

Wie war das eigentlich vorher? Da musste manche Frau den Mann lieb bitten, ihr ein bisschen Geld für die Einkäufe zu geben:
Als meine Eltern sich vor über 30 Jahren ein Haus kauften, wohnte da vorher dieser Lehrer drin (Erdkunde!) mit seiner Frau, die sich um die Tochter kümmerte. Von ihm bekam sie Taschengeld. Ich spreche von der Ehefrau. Wie ein Kind von seinen Eltern. Und die Nachbarn flüsterten, dass es Ärger gab, wenn die Frau irgendetwas Falsches oder zu Teures gekauft hatte, oder zum falschen Zeitpunkt nach mehr „Taschengeld“ fragte.
„Nein! Du kriegst keine neue Hose! Mach eine Diät!“ sagte der böse, geizige Erdkundelehrer dann.
Entschuldigung, die Phantasie geht mit mir durch…
Aber überliefert ist, dass das Haus wegen der Scheidung verkauft wurde. (Und nicht, damit der Mann der Frau vom Gewinn endlich mehr Taschengeld auszahlen konnte. Schade.)
Ich kann nur sagen: Gute (Ent-)Scheidung, arme unbekannte Lehrersfrau!

Wenn ich mir vorstelle, dass das Elterngeld erst im Jahr 2007 eingeführt wurde, ist das eine ganz schön lange Zeit, in der sich viele Frauen vom Mann abhängig machen mussten.
Davor gab es noch Erziehungsgeld, höchstens 450 Euro im Monat. Wenn die Frau Hausfrau wurde, bzw. blieb. Oder es gab 300 Euro. Die Frau durfte dann höchstens noch Teilzeit arbeiten. Oder der Mann.
Haha. Guter Witz, nicht? Alleinerziehende wurden durch das Erziehungsgeld benachteiligt und diskriminiert.
In der Schweiz gibt es übrigens immer noch kein Elterngeld. Aber auch keine ausreichende Versorgung mit Kitaplätzen. Das heißt, Mama bleibt zuhause, Papa zahlt. Oder gibt ein Taschengeld?
Das Wahlrecht für Frauen wurde dort auch erst 1971 eingeführt… Honi soit, qui mal y pense.

Kann sich jemand noch an den Adenauer-Spruch erinnern? „Kinder kriegen die Leute immer!“ sagte er, der siebenfache Vater. Damals zeichnete sich ab, dass die Lebenserwartung – somit die Dauer des Rentenbezugs und die Last für die arbeitende Bevölkerung – enorm ansteigen würde. Er tat aber nichts, um Familien zu entlasten. Insgesamt hat Adenauer 24 Enkel, über 50 Urenkel und inzwischen fast 20 Ur-Ur-Enkel. Die sich hoffentlich darüber freuen werden, dass sie mit dem Elterngeld und seit Juli 2015 dem Elterngeld Plus flexiblere Möglichkeiten haben, Erziehung und Beruf unter einen Hut zu bringen, unabhängig vom Geschlecht. Vielleicht hätte Uropa Konrad das heute auch gut gefunden. Denn sein Spruch mit den Leuten, die immer Kinder kriegen, hat sich zwar in seiner Familie bewahrheitet, sich in Deutschland aber als ziemlich falsch erwiesen. Die „Durchschnittsfrau“ bekam damals noch 2,3 Kinder. Und heute? 1,36 Kinder. Das ist demografisch gesehen ziemlich mickrig. Vielleicht gibt es dann in 30, 40 Jahren, wenn ich alt und hinfällig bin, super Hipster-Altenheime mit Elektrolounge-Ringelpiez, weil dann alle alt sind und die Nachfrage das Angebot regelt. Aber irgendjemand muss mir dann ein Fläschchen Bier zur Feier des Tages in mein Tässchen füllen. Jemand, der jünger ist und das noch kann – hübsche, 1,36 Altenpfleger… Hört sich wenig an. Vielleicht kann ja einer der zahlreichen Ur-Ur-Urenkel vom Adenauer… Aber die werden bestimmt alle lieber Anwalt.

Eine Politik mit Fokus auf Familienförderung und besserer Vereinbarung von Beruf und Kindern für Männer und Frauen ist also gesellschaftlich weiterhin nötig. Und Frau Schwesig, unsere Familienministerin, hat mit dem Elterngeld Plus nachgerüstet. Es ist jetzt nicht nur eine „Entgeldersatzleistung“, sondern eine Maßnahme, mit deren Hilfe sich Eltern beruflich und familiär besser aufteilen können. Und darüber freuen sich dann beide Elternteile. Alleinerziehende werden weniger benachteiligt.

Für mich als Freiberuflerin wäre das auch was gewesen. Als ich 2014 in Elternzeit ging, hätte ich mir gewünscht, es hätte die Möglichkeiten des ElterngeldPlus schon gegeben. Als Selbstständige kann ich immer einen Auftrag reinbekommen, auch wenn ich gerade mit Möhrenbrei bespuckt werde. Den dann abzusagen, wäre beruflich nachteilig. („Die rufen mich nie wieder an! Niiiie wieder!!!“ –  Typische Freiberufler-Angststörung.) Und schließlich schläft das Baby manchmal (ein Wunder!) und – stimmt ja! – hat einen netten Papa, der übernehmen kann. Aber dann hätte ich in diesen Monaten so viel verdient, dass mir das Elterngeld gestrichen worden wäre. Was habe ich letztes Jahr meine Elternzeitmonate herumgeschoben, um das zu vermeiden! Mehr Flexibilität hätte damals geholfen. Aber schon seit diesem Sommer konnten Eltern schon profitieren. Sollte ich also in der fernen Zukunft mit den Drillingen Tsching, Tschang und Tschong Fritzchen schwanger werden, werde ich glücklich die Möglichkeiten des ElterngeldPlus ausschöpfen.

Auf diesen Fotos seht ihr mich einige Wochen nach der Niederkunft. So sieht es nämlich aus, wenn man seine freien Jobs nicht vor der Geburt fertig bekommt. Die glückliche „working mom“ hier hat ein jämmerliches System entwickelt, stillend auf ihrem Rechner New York-Tipps für junge Damen zu tippen, während das nimmersatte Babylein Mamas Arm oder Schoß nicht einmal zum Schlafen verlassen wollte.
Ach, Schnee von gestern! Das Endprodukt dieser besonderen Arbeitsweise könnt ihr übrigens hier bestellen, ein Meisterwerk! Ich habe mir vom Vorschuss einen noch schöneren Sofabezug fürs Klippan gekauft. Luxus muss sein.

*Dieser Text entstand in Kooperation mit dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend“.

Arbeitsprozess: Zweifeln

Ja, manchmal arbeite ich auch was! Das ist gar nicht so einfach für mich. Nicht wegen des Kindes. (Na gut, manchmal schon). Es ist meinetwegen. Wegen der Zweifel. Wegen der Stille.
Vor dem Telefon oder dem Computer zu sitzen und zu warten, dass mich die Auftraggeber kontaktieren, die meine professionell zusammengestellten Portfolios mit Aufträgen würdigen, ist nicht meine Stärke. Weil die einen nicht kontaktieren. Jedenfalls nicht oft genug, dass ich mich „gebraucht“ fühle. Ich möchte mich in meinem Beruf aber gebraucht fühlen, geschätzt, anerkannt. (Und dass sich das Konto mal füllt, das auch).
Und dann schreiben sie: „Super! Ganz tolle Arbeiten! Wir nehmen dich in unseren Illustratorenpool auf und melden uns bei einem passenden Projekt!“
Das kommt dann nie, das „passende Projekt“.
„Put your money where you’re mouth is“, denke ich dauernd. Dauernd!
Ich schicke dann mal wieder ein Portfolio. Die Antwort kommt.
„Super! Ganz tolle Arbeiten! Wir nehmen dich in unseren Illustratorenpool auf und melden uns bei einem passenden Projekt!“
Ein Auftrag ist erfolgreich erledigt, dann wieder – warten. Nach dem Auftrag ist vor dem Auftrag. Immer wieder von vorne anfangen, immer wieder warten. Dann kommt der Frust, später die Resignation. Leider alles keine Helfer für die emsige Freiberuflerin.
Autor seiner eigenen Ideen und Projekte sein, das wurde mir oft von „alten Hasen“ empfohlen. Das passt doch zu mir. Ideen hatte ich doch immer! Das sei interessanterweise nicht immer üblich bei Illustratoren. Bei den „Guten“, die ich kenne, aber schon.
Ob ich gut bin in meiner Arbeit?
Wenn ich vor dem Rechner und Telefon sitze und warte und warte und warte, dann beantworte ich die Frage anders, als wenn ich mich in die eigentliche Arbeit vertiefe, mich mit meinem Beruf, mit der Arbeit von Kollegen beschäftige, wenn ich meine Bücher durchsehe (also nicht die, die in meinem Regal stehen, sondern die, die ich selber geschrieben und illustriert habe). Oder einen Vortrag halte. Mache ich gerne. Dann kommen Leute und sagen, das war gut.
Hat jemand einen Vortrag für mich? Ich halte ihn! Ich bin sogar witzig! Gehen zwei Huren durch Mainz. Sagt die eine: Mainz ist’n Dreckloch, sagt die andere „meins auch“.
Tschuldigung.
Aber wenn ich einfach nur warte – dann fühle ich mich schlecht. Und ich warte oft einfach so herum.
Das schönste Buch, das ich bis jetzt gemacht habe, wird gerade verramscht. Das heißt, dass es keine Neuauflage gibt, weil es sich zu schlecht verkauft. Die Exemplare, die das Lager verstopfen, gehen an Hugendubel oder sonst wen, und landen da auf dem Grabbeltisch. Die Nachricht hat mich traurig gemacht. Ich habe dann selber 50 Stück gekauft, zum Sondertarif. Jetzt habe ich für die nächsten 10 Jahre Weihnachtsgeschenke. Hurra! („Alles, was rund ist“ heißt mein armes Baby…)
Neulich hatte ich eine Idee.  Ich biete sie jetzt Tageszeitungen an: Eine visuelle Reportage (also eine Reportage, die vor allem durch die Zeichnungen erzählt) über Flüchtlingsarbeit in Berlin – Ich kenne eine Initiative, die heißt „Kreuzberg hilft“. Die machen tolle Arbeit. Darüber möchte ich berichten, über den Alltag der Menschen, die Kleider sortieren, verpacken, an Notunterkünfte liefern. Zeichnend. Mal sehen, ob jemand anbeißt. So lange gibt es diese zwei schiefen Skizzen. Mama malt.
Endlich.

kreuzberg hilft raum skizze

Spendensammelraum von „Kreuzberg hilft“

Messehalle skizze

Notunterkunft Messehalle Berlin

Die schnellste selbstgebastelte Laterne der Welt!

Die Kita hat uns eine Anleitung zum Laternebasteln mitgegeben. Aber ich habe schon längst eine Laterne bei Rossmann gekauft. Vielleicht kann ich die ein bisschen zerknittern und was draufkritzeln, dann merkt das niemand!

Haha, Späßchen! So etwas würde die gute Mutter nie tun!
Ja,ja: Laterne, Laterne…Tonne, Hund und Kerne… Wie ging dieses ganze Rabimmel noch mal? Da helfe ich doch mal auf die Sprünge.
Ja, liebe Mappis und Pammis! Vuttis und Matis! Stellt euch mal vor, es gibt ’nen Mutti-Blog, und keiner bastelt mit!
Deswegen endlich auch hier eine Bastelanleitung! Denn auch ich will mich nicht lumpen lassen: Mütter helfen Mütter, nicht wahr? A propos, Mütter: Gibt bestimmt auch bastelnde Väter, nicht? Ja, ihr süßen, biertrinkenden Knuddelbärchen mit schütterem Fell, ihr seid auch gemeint! Also, Papas: Mich persönlich interessiert sehr ein selbst gebastelter Kleinkinder-Schutz für unsere Fernbedienung. Ich hasse es, wenn mir das Kind die „Lindenstraße“ wegdrückt!
Dann gerne auch eine Vorrichtung, die verhindert, dass meine Tochter ihr Milschfläschchen über den schönen grünen IKEA-Sofabezug kleckert… Ich warte auf eure Ideen.
Zurück zu meiner Bastelanleitung: Schön kann jeder! Aber schnell??? Ich möchte hier eine Lücke füllen, für alle Eltern mit schlechtem Gewissen, aber auch schlechtem Gedächtnis.
Stellen wir uns folgendes Szenario vor:
„Kreeeeeiiiisch!“ (das ist die Mutter, nicht das Kind…) Also noch einmal:
„Kreeeeeiiiiisch! In zwei Stunden ist Sankt Martins-Umzug – und wir haben keine LATERNÄÄ!“
(Und es ist Sonntag, und die Läden haben zu, bzw. ihr wohnt am Arsch der Heide und der nächste Schnickschnack-Laden ist 300 km entfernt.)
Also ihr erkennt: Die Situation ist schlimm!
Aber nichts leichter als das.
Hier kommt die 2-Minuten-Laterne-Bastelanleitung: Nachhaltig und modern!

Ihr braucht:
– Einen Fahrradhelm (mit Licht)
– Eine Flöte (gerne aus Zypern)
– Einen Einkaufsbeutel, gerne „hübsch“ bedruckt.

Also:
Ihr steckt den Fahrradhelm in den Einkaufsbeutel, macht das Licht am Helm an, hängt die Henkel der Einkaufstasche an die Flöte – fertig! Laterne, Laterne.

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Die Version „Basic“:P1040258

Wem das zu viel Arbeit ist, für den gibt es die „Laterne Basic“:
Riemchen am Fahrradhelm schließen, an die Flöte hängen, Teelicht rein, fertig!
So seid ihr und euer Nachwuchs der Star auf jedem Laternenumzug!
Mensch, und da könnt ihr sogar auf der Laterne Laternenlieder spielen! Da geht einem doch vor Freude das Licht  aus.
Und so sieht das dann aus der Nähe aus. So richtig Rabumm, Bumm, Bumm.

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Meine kleine große Schwester

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Heute ist ein besonderer Tag.
Vor genau einundvierzig Jahren starb meine Schwester Barbara. Barbara Juliane. Drei Monate war sie nur alt. Nach der Geburt schien alles in Ordnung, aber mit der Zeit wurde sie immer gelber und gelber. Sie weinte viel, irgendetwas stimmte nicht. Arztbesuche, dann die Gewissheit meiner Eltern. Ihre Leber besaß keine Gänge, konnte den Körper somit nicht entgiften, wie es eine funktionierende Leber so macht. Das Organ war einfach nur ein Klumpen Fleisch, das nichts tat im kleinen hilflosen Körper dieses Babys. Es sah nicht gut aus. Die Ärzte vergaben einen OP-Termin, den 6. November 1974. Das war kein Routine-Eingriff, Gänge in eine Leber zu zaubern, wo vorher keine waren. Stundenlang wurde operiert. Die Vorstellung, dass meine Eltern eine Ewigkeit in einem Krankenhausflur saßen und um ihr todkrankes Kind bangten – unerträglich.
Es war erschöpfend. Nach acht Stunden hat das kleine Herz von Barbara aufgegeben zu schlagen. Sie ist eingeschlafen und nie mehr aufgewacht. So ein winziger, unschuldiger Säugling, die süße kleine Schwester, auf die sich die zwei älteren Brüder so gefreut haben. Das kleine Mädchen nach zwei Jungs, das sich meine Eltern so gewünscht hatten. Die große Schwester, die ich nie haben konnte.
Als meine Mutter dem damaligen Kinderarzt mitteilte, dass Barbara gestorben sei, sagte dieser lapidar: „Naja, Sie haben ja noch zwei!“
Meine Mutter hat mir diese Geschichte so oft erzählt. Dieser dumme Satz hat sie nie losgelassen. Was hat dieser Arzt nur angerichtet. Fährt er einen Porsche? Kann ich einen der Reifen durchstechen, wenn er mitten in der Wüste gestrandet ist? Und sagen: „Naja, Sie haben ja noch drei!“ Das bringt aber nichts und radiert diesen kaltschnäuzigen Satz nicht weg.
Meine Mutter sagte mir mal, wie sehr sich alle während der Schwangerschaft gefreut hätten, wie unbeschwert und fröhlich sie gewesen seien. Das war nun vorbei. Mein ältester Bruder, damals neun, bekam plötzlich schlechte Noten. Nachmittags trottete er zum „Filder-Diskont“ und kam stundenlang nicht wieder; dort stand ein schöner großer Flipper.
Ich kann die Sorgen und die Angst meiner Mutter nur erahnen, als sie nur wenige Monate später mit mir schwanger war. Die Unbeschwertheit war für immer weg. Laut Berechnung wäre ich ein Jahr später am selben Tag wie Barbara zur Welt gekommen. Man half dann im Krankenhaus ein bisschen nach, damit das nicht passierte. Am Geburtstag meiner Schwester denke ich manchmal daran.
Meine liebe Schwester, ich hätte dich so gerne kennengelernt.

PLASTIKFANTASTIC!

Ja, ja, Holzspielzeug. Weiß ich alles. Ist pädagogisch wertvoll. Wie diese komischen Filme mit „Prädikat wertvoll“. Die sind dann immer super öde, und die Schauspieler kennt kein Schwein. In unserer Wohnung ist jedenfalls alles voll mit Holzspielzeug. Der ganze Boden ist Holzspielzeug, nämlich Parkett, echtes, gell! Esstisch ist aus Holz, Wohnzimmertisch ist aus Holz. Kann man auch mit spielen! Wenn man groß genug wäre… Tja, kleine A., musst du wohl noch wachsen… Ja, selbst unser riesiger LED-Fernseher ist aus Holz ohne Zusatzstoffe. Darauf sehen wir uns häufig Blockflöten-Konzerte an. Ach, nicht einmal das. NIE machen wir ihn an, wir singen abends lieber gemeinsam einen Kanon: „Heut ist ein Fest bei den Fröschen am See, Ball und Konzert und ein großes Diné“ zum Beispiel. Ach nee, auch irgendwie zu wild, so ein Froschfest. Möglicherweise ist das nicht einmal artgerecht.
So, jetzt Spaß beiseite. PLASTIK! Hier bei uns ist alles voller Plastik. Die Sachen, die aus Holz sind, sind auch nur rein zufällig aus Holz, wahrscheinlich sogar Tropenholz. Hab da noch so ein paar dänische Möbel, die sind bestimmt nicht politisch korrekt. Und dieses IKEA-Pressspanzeugs ist bestimmt aus schwedischen Birkenhainen zusammen geschreddert und geklebt. Ich war diesen Sommer in Schweden. Da gibt es viele Bäume. Noch. Schluss jetzt mit diesem Holzgedöns. Mein Freund der Baum ist tot! Ich liebe Plastikspielzeug! So viele lustige bunte Sachen mit Knöpfen. A. mag es so, Knöpfchen zu drücken! A. ist meine kleine 16-Monate alte Tochter, nicht mein Mann. A. kennt alle Knöpfe an der Stereoanlage. Höre ich Musik, geht sie zum Lautstärkeregler und dreht ihn immer hin und her. D-JANE! WHERE’S THE BASE? Kommt auch gut, wenn ich etwas Kluges auf Deutschlandfunk hören möchte: Die Fl… ko… hu… stro… hmpfl… gsts… frz. Kein Wunder, dass man als Mutter verblödet. So entstand bestimmt diese Eideididei-Duziduzi-Babysprache.
Wenn A. sich einem echten Plastikspielzeug statt der Stereoanlage zuwendet, freue ich mich. Ich weiß, dass ich dann fünf Minuten Zeugs auf Spiegel-Online lesen kann und mindestens acht Sachen auf facebook liken. So gebannt ist sie von diesen kleinen technischen Wunderwerken. Wir haben eine Taschenlampe, die Musik macht, eine Schnecke, die Musik macht, einen Hubschrauber, der Musik macht (er kann sogar eine Melodie bellen! Ein Hubschrauber! Nein, wie niedlich!!) und zwei Baby-Handys, die Musik machen. Musik liegt also in der Luft bei uns! Ich kann alles mitsingen. Auch, wenn die Geräte gar nicht an oder dabei sind. Zum Beispiel im Supermarkt. Wenn ich den Brokkoli in den Einkaufswagen lege, klimpere ich mit den Augen und sage zu ihm wie unsere kleine Plastiktaschenlampe: „Ich! Bin ein Marienkäfer! Didel, dideli!“
In der U-Bahn singe ich meinen Nebensitzer an: „Wir fliegen mit dem Hubschrauber hin und her, hin und her, hin und her, wir schauen uns die Welt von oben an, das macht ganz viel Spaß!“
Zuhause lasse ich auch das Plastikspielzeug laufen, wenn A. in der Kita ist. Deutschlandfunk kapiere ich sowieso nicht mehr. Leider sind alle Batterien der Spielzeuge gleichzeitig zur Neige gegangen. Die lustigen Melodien eiern ein bisschen. Von überall tönt es „üyoüyoüyoooo, üyoüyoüyooooo, üyoüyoüyooooo!“ Und „wüsslwüsslwüsslwüsslwüssl rässlrässl dsch dsch dsch chr chrr chrrrr“.
Das eine Spielzeug hat eine klemmende Taste: „BRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRR!“ macht es. Stundenlang geht es so. Die Plastikwüste lebt! Dagegen sieht so ein Holzfigürchen leider alt aus!
Wo sind eigentlich meine Ohrstöpsel?

Mama malt.

Hier ist es also. Das Blog „Mama malt“. Und jetzt malt Mama gar nicht, sondern schreibt erst einmal ganz viel. Oder auch nicht. Ich schreibe eher kurz. Kommt bestimmt von facebook. Oder von meiner Faulheit. Oder weil das Kind gerade das selbstgetrocknete Bohnenkraut auseinander pflückt und den Küchenboden damit würzt. Ich muss schauen, dass die Krümel gleichmäßig verteilt werden. Da sagt noch einer, bei mir kann man nicht vom Boden essen. Der wahre Grund für dieses Blog: facebook ist einfach zu klein für mich. Vielleicht möchte ich mal drei statt zwei Sätze schreiben. Oder einen ehrlichen und richtig nachdenklichen Beitrag verfassen (ist ja auch bald Weihnachten) und vielleicht sogar ein bisschen jammern. Eigentlich möchte ich ständig schreiben: „Naaaaaiiiiin! Der Verlag/Auftraggeber/TK-Mitarbeiter ist gemein! Das ist sooooo ungerecht! Und warum verdiene ich so wenig?! Naaaaaiiiiiin!“ Aber ich mache es nicht. Denn es kommt auf facebook gar nicht gut an! Geht mir selber auch so bei anderen, wenn die so rumnölen. Wenn dann noch diese Kästen mit Schrift drin und Sonnenuntergang dahinter gepostet werden, wo drauf steht: „Weil ich große Schrift auf einem Foto bin, bin ich sehr tiefgründig. Teile das, wenn du mich magst, sonst gibt’s ein Diddl-Maus-Tattoo. Auf deinem Hintern.“
Also. Die Beweggründe sind jetzt hoffentlich allen klar. Das Kind fällt gerade mit dem Gesicht voraus vom Sofa. Deswegen gibt es kein Fazit.